Meine erste Marathondistanz mit dem Rennrad liegt hinter mir. In 265 km ging es von der Drakenburger Marsch (bei Nienburg) an der Weser entlang und dann nach Göttingen. Im folgenden Interview erfährst du viele Antworten auf Fragen, die mir bereits im Vorfeld der Tour durch den Kopf gingen.
Die vielleicht wichtigste Frage vorweg: Hattest du Spaß?
Ja, auf jeden Fall. Mich hat selbst erstaunt, dass ich auf der Tour nicht einmal meine Komfortzone verlassen habe. Mit einem Lächeln im Gesicht und immer wieder Lieder summend, ging es prima voran. Ich hatte allerdings Glück mit dem Wetter. Bei Dauerregen hätte es völlig anders ausgesehen, auch wenn ich das Tempo dauerhaft angezogen hätte. Es ging mir jedoch darum bei durchschnittlich 55-60% meiner FTP zu bleiben und zu testen wie ich mit fester Nahrung bei dieser Intensität & Dauer zurecht komme.
Funktioniert dein Rennrad für Marathon- und Ultradistanzen?
Ich fahre ein Race Rennrad und hatte vor der Tour noch ein großes Fragezeichen, ob das Rad überhaupt auf langen Distanzen zu mir passt. Mit dem gekürzten Vorbau am Lenker und meiner eigenen Geometrie kann ich nun sagen: Ja, passt sehr gut. Auch die aerodynamischen Carbon Laufräder haben mich überzeugt.
Ist es möglich ohne gesundheitlichen Schaden, wohl möglich eher mit einem Benefit, Ultradistanzen zu meistern?
Das ist eine schwierige Frage, die den Rahmen des Interviews sprengt. Ich werde dieses Thema differenziert aufarbeiten. Dabei geht es mir um Aspekte wie Mundgesundheit und Milieuveränderungen im Verdauungstrakt, Darmdurchlässigkeit, hormonelle Auswirkungen, Überlastungsprobleme an passiven Strukturen, Herz-Kreislauf System.
Kurz vorweg: Intensität und Ernährung sind die Schlüsselfaktoren die darüber entscheiden, ob sportliche Aktivitäten jenseits von 2 Stunden Dauer als gesund angesehen werden können.
Die Mundgesundheit und deren systemische Auswirkungen sind meines Erachtens im Ultracycling (Distanzen jenseits der 200km pro Tag sowie an einigen Tagen in Folge) die größten Herausforderungen. Wer meint, Ultradistanzen an seinem physiologischen Limit zu bestreiten, wird seiner Gesundheit auf jeden Fall schaden.
Warst du mit deinem Setup zufrieden?
Mit der Taschenauswahl in Kombination mit meinem Rennrad bin ich sehr zufrieden. Mit dem Framebag und der langen Top Tube Tasche sowie einem Trinkrucksack war ich gut ausgestattet. Durch die starken Temperaturunterschiede von 5 bis 25 Grad war einiges an Stauraum nötig. Highlight ist meine Food Pouch Eigenkonstruktion. Eine Food Pouch ist eine kleine Tasche, die direkt am Vorbau befestigt wird und schnellen Zugriff auf Essen oder andere Dinge liefert. Ich verwende einen umgebauten Chalk Bag vom Klettern. Dieser hat einen breiten Zugriff und ist nicht zu tief.
Bei Mehrtagestouren kommen noch zwei Taschen dazu. Eine an der Sattelstütze und eine an den Aerobars.
Wie war deine Sattel-Radhosen Kombi?
Entgegen aller Empfehlungen bin ich mit(!) Unterhose und ungepolsterter(!) Radhose auf dem Giant-Aproach Sattel gefahren. Kein Scheuern, keine wunden Stellen und keine Schmerzen am Hintern. Auch nicht nach 265km. Ich werde aber spezielle Radhosen mit Polster testen. Bei mehreren Tagen in Folge mit 200-350km je Tag kann sich der Hautzustand schnell ändern. Auch etwas mehr Dämpfung wäre durchaus gut.
Hattest du Beschwerden nach der Tour?
Für etwa einen Tag haben die Kniescheiben beim Treppensteigen geschmerzt. Ein wichtiger Hinweis. Ein optimiertes Bike Fitting und Knielinge bei Temperaturen unter 10-15 Grad sind wichtige Maßnahmen um Kniebeschwerden vorzubeugen. Hier habe ich bei der Tour „Fehler“ gemacht und dazu gelernt. Gerade diesen Prozess der Weiterentwicklung empfinde ich als besonders wertvoll.
Muskulär habe ich mich super gefühlt. Es ist noch Luft nach oben.
Ist der Ultradistanz Event auf den du dich vorbereitest ein lohnenswertes Ziel?
Hier bleibt ein großes Fragezeichen. Jeden Tag so lange im Sattel zu sitzen und das über viele Tage ist noch einmal etwas ganz Anderes. Mir gefällt der Gedanke aus eigener Kraft diesen riesigen Bewegungsradius zu erlangen. In kurzer Zeit – aber auch nicht zu schnell – andere Landschaften und Kultur zu entdecken. Das lange Sitzen in einer recht starren Haltung steht dem entgegen. Auch meine Familie möchte ich eigentlich nicht so lange alleine lassen. Denn meine Frau und meine zwei Kinder sind für mich wichtiger als mein Ego und meine Abenteuerlust.
Wie bereitest du dich konkret vor?
Ich liebe Abwechslung und werde wie gewohnt Bouldern, Wassersport und Krafttraining machen. Das reine Radtraining versuche ich möglichst kurz zu halten. So kurz es eben für solche Distanzen möglich ist. Konkret bedeutet das für mich: Pro Woche mehrere kurze Intervalleinheiten und alle ein bis zwei Wochen eine extensive Dauerbelastung von 2-5 Stunden. Dazu einmal pro Monat eine Distanz >200km. Zusätzlich mache ich gezielte Dehn-, Ausgleichsübungen sowie Krafttraining für meine Problembereiche.
Auf welchen Event bereitest du dich konkret vor?
Das bleibt geheim, bis ich mich dafür entscheide und das Ticket in den Händen halte. Als nächstes steht eine zwei Tage Bike-Packing Tour mit ca. 500km an, dann 4 Tage mit 1000km. Spätestens danach sollten alle noch offenen Fragen beantwortet sein.







